Frischer Wind an heißen Tagen

Wer am vergangenen Sonntag eine Abkühlung brauchte, fand sie nicht nur in den umliegenden Freibädern oder Seen, sondern auch in der Weimarer Allee in der Titus-Kirche. Neben der angenehmen kühlen Temperatur in der Kirche wurde in der Andacht „Zur blauen Stunde“ der Wind sowohl in literarischen Texten als auch aus Passagen der Bibel thematisiert. Wie passend, dass das Kammermusik-Ensemble „il vento“, was übersetzt „der Wind“ bedeutet, für musikalische Bereicherung sorgte. 

Ebenso wie der Wind, der manchmal als leichte Brise daherkommt, dann aber auch sehr stürmisch werden kann, zeigte das Ensemble seine unterschiedlichen musikalischen Facetten. So wurden den Instrumenten sanfte Töne von Bachs berühmtem „Air“ und Schumanns „Von fremden Ländern und Menschen“ entlockt. Zunehmend rauh und stürmisch wurde es bei der Interpretation von Griegs „In der Halle des Bergkönigs“. 

Nachdenklich wurde das Publikum durch die Predigt von Pastor Jan Holzendorfs gestimmt, die sich auf die Kurzgeschichte „Das Brot“ von Wolfgang Borchert bezog. Den „roten Faden“ verfolgend, wurde der Wind in der Geschichte aufgegriffen und geschickt mit den Hungersnöten des Ehepaares in Verbindung gebracht. Auch wenn „Das Brot“ 1946 veröffentlicht wurde, ist die Hungersnot allgegenwärtig — auch in Europa. Deutlich spürbar wird dies nun durch den Krieg in der Ukraine, durch den der Weizenexport zum Erliegen kommt. „Wozu eigentlich Krieg?“, wird sich der ein oder andere im Publikum gefragt haben. Diese Frage stellte sich auch Sára Gombai, die das Lied „Wars for nothing“ der ungarischen Sängerin Boggie herzergreifend sang.

Die Andacht endete schließlich nach der Segnung mit dem Walzer von Schostakowitsch nach einer guten Stunde.

Draußen war es zwar immer noch sehr heiß, alle Teilhabenden konnten aber mit frischem Geist und vielen Denkanstößen den Sonntagabend ausklingen lassen.

Text: Julia Mischke